1. – 4. Schuljahr

Michael Krüger | Elke Gramespacher | Andrea Menze-Sonneck | Sergio Ziroli | Thomas Gundelfinger

Spielerisch Werfen lernen

Vielfältige Wurferfahrungen sammeln

Wer einen Ball in der Hand hält, möchte ihn werfen. Kaum jemand, der diesen Impuls nicht verspürt, denn das Werfen ist eine elementare Form menschlicher Bewegung. Kindern mangelt es jedoch zunehmend an Gelegenheiten, sich in dieser Basiskompetenz zu üben viele und vor allem vielfältige Wurf- und Fangerfahrungen sind daher im Sportunterricht unverzichtbar.

Themenhefte der Zeitschrift Grundschule Sport orientieren sich in der Regel an grundlegenden motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die es gemäß dem Entwicklungsstand von Grundschulkindern zu fördern gilt. Werfen stellt ähnlich wie Laufen und Springen eine elementare Grundform menschlicher Bewegungskompetenz dar, die allerdings heutzutage nicht mehr ausreichend entwickelt wird durch zunehmend bewegungsarme Freizeitaktivitäten wie Fernsehen oder Computerspiele. Man kann das Werfen heute nicht mehr so unumstritten wie das Laufen und Springen zu den „natürlichen Fertigkeiten zählen, da gerade jüngere Kinder zu wenige Erfahrungen in ihrer Freizeit sammeln. Diese Veränderungen machen es notwendig, dass sich Lehrerinnen und Lehrer noch intensiver als zuvor um einen vielfältigen und abwechslungsreichen Unterricht zum Werfen bemühen.
Entwicklungspsychologischer Kontext
Beim Werfen als elementarer motorischer Fertigkeit und Basiskompetenz menschlichen Bewegens handelt es sich um ein anthropologisches Muster wie Lachen und Weinen oder auch Sprechen. Dieses Grundmuster findet jedoch in unterschiedlichen Zeiten und Kulturen auch unterschiedliche Ausdrucksformen.
Wie elementar das Werfen für die Entwicklung von Menschen ist, zeigte bereits Sigmund Freud in seiner Deutung des Spiels eines anderthalbjährigen Jungen in seiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips: Dort schildert Freud, wie das Kind mit großer Lust Gegenstände von sich wirft ein Verhalten, das die Mutter nicht gerade erfreut. Eltern kleiner Kinder können ihren Ärger wohl nachvollziehen, wenn sie wieder mal nach dem Schnuller oder einem Schlüsselbund suchen müssen, den das Kleinkind als Wurfobjekt benutzt hat (vgl. Scheuerl 1991).
Tatsächlich handelt es sich nach Freud dabei um ein Spiel, und zwar um ein für die seelische Entwicklung des Kindes unverzichtbares Spiel. Es heißt Wegwerfen. Dabei geht es um Verschwinden und Wiederkommen: Freud beobachtete ein Kind, das eine an einer Schnur befestigte Holzspule aus seinem Bettchen und damit aus seiner Sichtweite warf, begleitet von einem begeisterten „o-o-o-o nur um es kurz darauf ebenso freudig wieder an sich heranzuziehen. Werfen und fangen, geben und nehmen, verschwinden und wiederfinden, trennen und wieder vereinen: All dies hängt miteinander zusammen.
Freuds Beschreibung des kindlichen Spiels vom Wegwerfen und Wiederholen ist für unseren Zusammenhang insofern wichtig, als sie eindrucksvoll zeigt, was auch in der entwicklungspsychologischen Literatur als gesichert gilt: Nämlich dass elementare Erfahrungen der Trennung und (Wieder-)Vereinigung durch symbolische Formen des Spiels und des Spielens, wie es beim Werfen und Fangen der Fall ist, für die leib-seelische Entwicklung von großer Bedeutung sind. Der Spieltheoretiker Brian Sutton-Smith hat dies in zahlreichen empirischen Studien zum Kinderspiel ebenso gezeigt wie der Entwicklungspsychologe Jean Piaget. Ohne das Werfen oder Wurfspiele im Einzelnen thematisiert zu haben, kam es ihnen darauf an zu zeigen, dass im Kinderspiel mehr steckt als die bloße Aneignung motorischer Techniken.
Was für die individuelle Entwicklung (Ontogenese) des Werfens (und Fangens) mit Blick auf den einzelnen Menschen gilt, das trifft auch auf die Phylogenese des Werfens zu: Aus dem einfachen Werfen sind komplexe Kulturtechniken und Praktiken des Werfens und seiner möglichen Differenzierungen entstanden. Der Sport stellt heute ein...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen