1. – 4. Schuljahr

Peter Neumann

Wagniserziehung in Grundschulsportcurricula

Eine didaktische Spurensuche

Leitidee, pädagogische Perspektive oder eigenständiger Kompetenzbereich: In welcher Form und ob überhaupt die Wagnisperspektive in den Lehrplänen auftaucht, ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich.

Im Zuge der sogenannten Curriculumrevision in Nordrhein-Westfalen wurde 1997 die pädagogische Perspektive „etwas wagen und verantworten erstmalig für den (erziehenden) Schulsport formuliert und dann sukzessiv für alle Schulformen für die Primarstufe im Jahr 2001 eingeführt. Mit dieser Perspektive betrat das Bundesland Nordrhein-Westfalen in Deutschland damals „curriculares Neuland (Hübner 2000, S. 179).
Seitdem sind mehr als 20 Jahre vergangen und die curriculare Landschaft hat sich in mehrfacher Hinsicht deutlich verändert: Aktuell prägen knapp gefasste kompetenzorientierte Kernlehrpläne1 das Bild. Was heißt dies nun für die Wagnisperspektive?
Ist das Sich- oder Etwas-Wagen eine Kompetenz?
In den aktuellen Grundschulsportcurricula wird Wagnis begrifflich und formal in verschiedenen Konstruktionen berücksichtigt. Am häufigsten wird Bezug genommen auf die pädagogische Perspektive „etwas wagen und verantworten: „Unter Einhaltung von Sicherheitsaspekten ist die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten und Grenzen in herausfordernden Situationen mit unsicherem Ausgang eine wichtige Erfahrung und Kompetenz. Die Kinder entwickeln eine realistische Selbsteinschätzung und lernen, zu ihrer Angst zu stehen, sie zu überwinden und Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen (Baden-Württemberg 2016, S. 9).
Wagnis wird aber auch als eine Sinngebung im Sport (Thüringen), als eigenständiger Kompetenzbereich (Hamburg) oder als eine Leitidee für den Sportunterricht (Hessen) bestimmt. Insgesamt finden sich in 14 von 16 Lehrplänen für den Grundschulsport Hinweise zum Wagnis bzw. zur pädagogischen Perspektive „etwas wagen und verantworten. Neben Überschneidungen oder Überlappungen mit anderen Perspektiven ergibt sich für die Kompetenzarchitektur kein einheitliches Bild: Häufig werden die Ziele der Wagniserziehung in ein überfachliches Modell aus Selbst- und Sozialkompetenz (z.B. Saarland, Thüringen) oder aus Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz (z.B. Rheinland-Pfalz) eingelassen. Im hessischen Lehrplan wird dagegen dezidiert auf eine Entscheidungskompetenz Bezug genommen.
In den meisten Lehrplänen steht die pädagogische Erwartung im Mittelpunkt, dass die Kinder in der Auseinandersetzung mit wagnisbezogenen Anforderungen im Sportunterricht den verantwortlichen Umgang mit potenziell riskanten oder gar gefährlichen Handlungssituationen im Sport lernen. Beispielsweise sollten nach Angaben des Lehrplans in Thüringen Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 4 nach dem Sportunterricht u.a. über die Fähigkeiten verfügen, Risiken für sich und andere abzuwägen, eigene Ängste zu überwinden und Hemmungen abzubauen, angebotene Hilfe anzunehmen oder auch Hilfe zu geben und Verantwortung für andere zu übernehmen (2010, S. 17).
Nicht immer finden interessierte Lehrkräfte jedoch konkrete inhaltliche Hinweise, wo und wie sie eine wagniserzieherische Akzentuierung in ihrem Sportunterricht verfolgen können. So steht etwa im Bremer Lehrplan (2001) die Zielformulierung „sich im Wasser etwas trauen (S. 19) relativ allein da, während der Lehrplan in Mecklenburg-Vorpommern (o. J.) genauere Angaben enthält: Schülerinnen und Schüler der Klassen 3 und 4 sollen „sich etwas trauen, indem sie z.B. „ins Wasser springen, „den Kopf unter Wasser nehmen oder die „Augen unter Wasser öffnen (S. 36).
Im Folgenden wird herausgestellt, wie sichtbar und wie verbindlich die Wagnisperspektive für die Lehrkräfte in den Lehr- und Bildungsplänen verankert ist. Je unscheinbarer und allgemeiner die Formulierungen gehalten sind, umso mehr eigene Entwicklungsarbeit müssen Lehrkräfte nämlich bei der Unterrichtsvorbereitung...

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