1. – 4. Schuljahr

Loreen Fajgel

Tanzende Buchstaben

Ein Lernprojekt mit Bewegung

Wie kann man Kindern mit geringen Deutschkenntnissen unsere Sprache näher bringen? Ein Weg ist über den Tanz, denn er ist eine Form körperlichen Denkens und kann die Entwicklung von Sprache fördern.

Die Integration von Flüchtlingskindern ist eine Herausforderung, die viele Grundschulen zunehmend beschäftigt. Wie können Kinder unterschiedlicher Kulturen erfolgreich Deutsch lernen und gut in unserem Schulsystem aufgenommen werden?
Kulturelle Bildung schafft Lernzugänge
Kulturelle Bildung eröffnet ästhetische Lernzugänge im Unterricht. Der Tanz als nonverbale Darstellungsform ist besonders gut geeignet für Kinder, die die deutsche Sprache noch nicht beherrschen. Forschungsergebnisse aus der Neurowissenschaft zeigen, dass im Körper und in der Bewegung die Wurzel allen Lernens liegt. Diese Erkenntnis und meine langjährige Berufserfahrung als Tanzvermittlerin überzeugten mich, dass Tanz Möglichkeiten bietet, die Sprachentwicklung ergänzend zu fördern.
Das Projekt „Tanzende Buchstaben
Um diesen Plan in die Praxis umzusetzen, wurde ein Tanzprojekt in Kooperation mit der Grundschule Brückenhof-Nordshausen in Kassel geplant, das im Dezember 2016 startete. Das Projekt „Tanzende Buchstaben richtete sich an Kinder der ersten Klasse. Nach Absprache mit dem Lehrerteam wurde es auch für andere Kinder mit Migrationshintergrund geöffnet, die sich mit dem Erlernen der Buchstaben schwer taten. Das ursprüngliche Konzept sah vor, Schriftformen tänzerisch zu erkunden. Die ersten beiden, äußerst turbulenten, Tanzstunden führten zu einer Umstrukturierung des Projekts vom lern- zum prozessorientierten Handeln. Es sollte nun darum gehen, das Zuhören und die eigene Stille zu entdecken, die motorische Differenzierung zwischen zügigen und ruhigen Bewegungen zu erkunden, eine Konzentration und Achtsamkeit im Umgang mit anderen spielerisch zu erproben.
Der leergeräumte Musikraum, der ausreichend Raum zum Tanzen bot, lud auch zum Toben ein. Deshalb wurden vor der Stunde mit Malerkrepp Kreuze auf den Boden geklebt. Zu Beginn einer Stunde wurde dem Bewegungsdrang Freiraum gegeben, danach suchten sich die Kinder ein Kreuz aus und versahen es mit ihrem Namen. So entstand ein Kreis und eine Struktur war gegeben. Jedes Kind konnte alle anderen sehen und selbst gesehen werden. Diese kleine Zeremonie am Anfang der Stunde wurde gut angenommen. Das Gespräch mit der Lehrerin bestätigte den Eindruck, dass es wichtig war, den Kindern nicht nur Bewegungen beizubringen, sondern ihnen auch zu helfen, die Stille zu entdecken. Sie genossen es, nicht nur große, wilde Bewegungen zu machen, sondern zum Beispiel auch ganz langsam wie eine Sonnenblume zu wachsen.
In dieser neuentdeckten Ruhe wurde es nach und nach möglich, kleine Improvisationsaufgaben einzuführen. Jedes Kind durfte z.B. aus dem Kreis in die Mitte gehen und eigene Bewegungen vorführen, die dann von der Gruppe übernommen wurden. Diese einfache Übung erwies sich als besonders wertvoll beim Erlernen von sozialen Kompetenzen, z.B. bei der Wahrnehmung von Bewegungen; geduldig zu warten, bis man selbst dran kommt; anderen zuzuhören und sie zu ermutigen; die Zugehörigkeit zur Gruppe.
Erkenntnisse aus dem Tanzprojekt
Die einzelnen aufgeregten, kreativen Erstklässlerinnen und Erstklässler kamen immer mehr zum Vorschein. Alle Kinder tanzten grundsätzlich gern, einige davon hätten am liebsten immer weiter getanzt. Am Ende des Projekts im März 2017 waren einige positive Entwicklungen im Verhalten der Kinder zu bemerken. Wiederkehrende Elemente innerhalb einer klar strukturierten Stunde waren besonders beliebt und gaben den Kindern Sicherheit: „Können wir wieder Museum spielen?/Machen wir heute Buchstaben? (s. Kasten) wurde schon beim Betreten des Raumes gefragt.
Empfehlenswerte Bewegungsspiele
Empfehlenswerte Bewegungsspiele
Museumsspiel
Die Kinder werden in zwei Gruppen (A und B) eingeteilt. Die Kinder der A-Gruppe...

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