3. – 4. Schuljahr

Rüdiger Hein

Progressive Muskelrelaxation für Kinder

An- und Entspannung lernen

Progressive Muskelentspannung kann bei Stress und psychischer Belastung positiv auf die Befindlichkeit von Kindern einwirken und ist leicht zu erlernen. Diese Methode kann fast überall im Alltag eingesetzt werden.

Progressive Muskelrelaxation (PM) gilt hierzulande als eines der anerkanntesten Entspannungsverfahren. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt, hat sie sich in der Praxis nachweislich bewährt. Ursprünglich besaß sie therapeutische Bedeutung.
Heute wird PM verstärkt unter pädagogisch-didaktischen Gesichtspunkten angewendet. Während sie seit Langem erfolgreich bei Erwachsenen Einsatz findet, ist das Kursan-gebot für Kinder noch gering.
Wie funktioniert PM?
PM geht auf den amerikanischen Arzt Edmund Jacobson (1888 – 1983) zurück. Er erkannte, dass fast jeder Mensch tiefe Entspannung erfahren kann. Voraussetzung ist, dass er systematisch einzelne Muskelgruppen an- und entspannt und sich auf die dabei entstehenden Gefühle konzentriert. PM ist bei allen Störungen des Wohlbefindens angezeigt, die durch Stress hervorgerufen oder verstärkt werden. Sie zielt darauf ab, einen allgemeinen Entspannungszustand zu initiieren. Das Verfahren ist der Natur entlehnt: Es beruht auf der Beobachtung, dass sich Anspannung u.a. in einer Verkrampfung der Muskulatur zeigt. Angst oder Zorn erzeugen z.B. einen verspannten Gesichtsausdruck.
Diesen Zusammenhang von allgemeiner Anspannung und muskulärem Spannungszustand nutzt PM: Dies geschieht in umgedrehter Ablauffolge. Ansatzpunkt ist die Beeinflussung der Muskulatur. Darüber kann der gesamte physische und psychische Spannungszustand erreicht werden. Beim klassischen Verfahren für Erwachsene werden stellvertretend für die gesamte Muskulatur 16, für Kinder 8 Muskelgruppen systematisch angespannt und wieder entspannt. Die Auswahl ist so angelegt, dass alle wichtigen Bereiche des Körpers erfasst werden. Bei Kindern gehören die ausgewählten Muskelgruppen:
zum rechten Arm,
zum linken Arm,
zum Gesicht,
zum Nacken, zu den Schultern und zum Hals,
zur Brust, zu den Schultern und zum oberen Rücken,
zum Bauch,
zum rechten Bein und
zum linken Bein (s. Abb. 1 ).
Die Reihenfolge der Übungen hängt mit der Repräsentation der Organe im Gehirn zusammen und ist fortschreitend (progressiv): Man beginnt mit den Armen, dann kommt das Gesicht. Das sind die Muskelpartien, für die es im Gehirn besonders viele Nervenzellen gibt. Von dort schreitet man zu den entfernter liegenden und im Gehirn weniger gut repräsentierten Muskelpartien fort (vgl. Reeker-Lange et al. 2010). So gelingt es, dass der Körper vom Arbeits- in den Erholungsmodus umschaltet. Dies bedeutet, dass einem wachen Zustand, in dem gespannte Aufmerksamkeit herrscht, ein Zustand der Entspannung mit Regeneration statt Leistungsorientierung folgt.
Als psychische Effekte gelten erhöhte Wahrnehmungsschwellen gegenüber Außenreizen, das Gefühl, ausgeruht zu sein, mentale Frische, erhöhte Selbstkompetenz/Selbstkontrolle, Entwicklungsförderung und bessere Stressverarbeitung (vgl. Hein 2017; Petermann/Vaitl 2014). Die tiefe Entspannung bei PM ist mit der tiefen Erholung im Schlaf vergleichbar. Allerdings ist die Entspannung, die bei PM bei Wachheit erreicht wird, kurz und steuerbar.
Nach jeweils gleichem Ablaufschema werden die betroffenen Muskeln etwa fünf bis sieben Sekunden angespannt, und nach einer abrupten Lösung dieser Anspannung ca. 30 bis 40 Sekunden entspannt (s. als Beispiel im Kasten „Einsteigerübung zur Vermittlung eines mittleren Muskelanspannungsgrades). Wird bei der An- und Entspannung die Atmung eingesetzt, ergibt sich die An- und Entspannungszeit der Muskeln individuell durch den Atemrhythmus. Im Detail atmen die Kinder ein, nehmen die Anspannung auf und halten den Atem und die Anspannung an. Nach einigen Sekunden atmen die Kinder aus und lösen gleichzeitig die Anspannung über den Atem.
Einsteigerübung zur Vermittlung eines...

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