1. – 4. Schuljahr

Grundlagen und Voraussetzungen

Andrea Menze-Sonneck
Hilfestellung vermitteln
Hilfestellung ist ein ebenso wichtiges wie sensibles Thema im Schulsport, denn die Kinder müssen sowohl ausreichend Vertrauen haben, um nahen Körperkontakt zuzulassen als auch die Gewissheit haben, dass die Hilfestellung eine wirkliche Unterstützung ist. In diesem Sinne unterstützt eine kompetente Hilfestellung vonseiten der Schülerinnen und Schüler das soziale Lernen aller.
Hilfestellung gehört zu den zentralen Aktionsformen im Turn- und Akrobatikunterricht und meint das bewusste und kontrollierte Eingreifen in einen Bewegungsablauf mittels adäquater Helfergriffe (z.B. Drehklammergriff). Sie dient dem „aktiven Lenken und Führen des Turnenden durch den Helfenden (v. Bentem 2015, S. 12) und unterstützt das sichere Erlernen und Ausführen turnerischer Bewegungen. Als direkte Bewegungshilfe ist der Begriff „Hilfestellung abzugrenzen von den verschiedenen Formen der indirekten Bewegungshilfen (z.B. Gerätehilfen wie schiefe Ebenen oder Orientierungs- und Rhythmushilfen; u.a. MSW NRW 2015). Hilfestellung ist aber nicht nur eine wesentliche Voraussetzung für den motorischen Lernerfolg, sondern ermöglicht auch das soziale Lernen und die Sicherheitserziehung. Im gestaltungsorientierten Turnunterricht kann Hilfestellung zudem die Wirkung einer Gestaltung erhöhen und gestattet den Einbezug mehrerer Kinder in eine Aufführung.
Hilfestellung kann und sollte nicht allein von der Lehrkraft kompetent angewandt werden. Vielmehr ist Hilfestellung auch eine unterrichtliche Handlung, mithilfe derer sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig im Lernprozess unterstützen. In einem kompetenzorientierten Sportunterricht müssen Lehrkräfte also nicht nur wissen, wie sie selbst richtig Hilfestellung leisten, sondern Hilfestellung auch an die Schülerinnen und Schüler entsprechend vermitteln können.
Methodische Grundlagen der Vermittlung von Hilfestellung
Eine kompetente Hilfestellung ist eine kognitiv und konditionell-koordinativ anspruchsvolle Handlung. Bei der Vermittlung sind daher eine systematische Einführung und Erklärung wichtig idealerweise aus einer Kombination von dauerhaft verfügbarer Abbildungen und einer den Übungsprozess einleitenden Demonstration sowie regelmäßiges, progressives Üben der Hilfestellung. Die Vermittlung orientiert sich an den methodischen Prinzipien des Bewegungslernens: Vom Leichten zum Schweren, vom Bekannten zum Unbekannten, vom Langsamen zum Schnellen, vom Einfachen zum Komplexen. Erst wenn die Lernenden die Hilfestellung bei einer einfachen Übung sicher beherrschen, wird eine schwierigere Übung eingeführt, bei der mit Blick auf die Hilfestellung die Anforderungen erhöht sind. Daher nimmt nicht nur die turnerische oder akrobatische Bewegung, sondern auch die Hilfestellung an Schwierigkeit zu (vgl. Gerling 2006).
Ist die Hilfestellung mit einer höheren Bewegungsgeschwindigkeit der zu unterstützenden Zielbewegung verbunden, sollte der Helfergriff zunächst in einer ruhigen Ausgangslage geübt werden. Zum Beispiel kann der Klammergriff am Oberschenkel beim (freien) Handstand zuerst beim Wandhandstand (s. Download ) oder beim Hochschwingen in den Handstand von einem Kasten sicher geübt werden.
Bezüglich der Geschwindigkeit und Komplexität der Hilfestellung ist bei Kindern im Grundschulalter zu beachten, dass verschiedene Helfergriffe, die in einer Bewegungsabfolge direkt hintereinander einzusetzen sind, zu einer Überforderung führen können. Das gilt auch für Griffe mit Überkreuz- oder Drehbewegung (z.B. beim Rad). Bei Rotationsbewegungen aus größerer Höhe (z.B. Abzug als Abgang vom Trapez) sollten Lehrkräfte selbst Hilfestellung leisten.
Sozial-emotionale Voraussetzungen beachten
Damit Kinder sich gegenseitig kompetent Hilfestellung geben können, kommt der Partner- und Gruppenzusammensetzung eine große Rolle zu. Dies gilt im Hinblick auf Körpergewicht und -größe der Kinder, betrifft aber auch...

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